Dieses Forschungsprojekt entwickelt auf der Grundlage neu zugänglicher Quellenbestände eine neue Sicht auf die Geschichte der Arbeit, indem es nach der Einbettung der vielfältigen Formen agrarischer Arbeit in industriegesellschaftliche Kontexte fragt und die Verflechtungen, wechselseitigen Wissenstransfers und Aneignungsprozesse ins Zentrum rückt. Erkenntnisleitend ist dabei das Wirkungsgeflecht zwischen der Produktion und Implementierung von Arbeitswissen, den Semantiken von Arbeitsbegriffen und Produktionsmetaphern sowie den unterschiedlichen Potenzialen und Grenzen von biotischen bzw. mineralischen Ressourcen, mit welchen Arbeit in Landwirtschaft und Industrie in diesem Zeitraum primär zu tun hat. Dieses Erkenntnisinteresse wird eingebettet in die transnationale Zirkulation von Arbeitswissen und Arbeitsbegriffen und im schweizerischen Beobachtungsraum untersucht. Diese Herangehensweise bietet sich deshalb an, weil arbeitswissenschaftliche Diskurse ebenso in transnationalen Kommunikationsnetzen ausgetragen wurden, wie sie in ihrer konkreten Implementierung in einer Vielfalt lokaler Kontexte realisiert wurden. Dies wurde gerade in landwirtschaftlichen Handlungskontexten relevant, in denen neben kulturellen und sozioökonomischen Faktoren auch klimatische, bodenchemische, topographische und metabolische Bedingungsnetze auf die von Frauen, Männern, Kindern, Tieren, Maschinen und Motoren erbrachten Arbeitsprozesse einwirkten.
Durch die Ausleuchtung dieser facettenreichen Wechselwirkungen zwischen Arbeit in ruralen und urbanen, landwirtschaftlichen und industriellen sowie familienwirtschaftlichen und fabrikindustriellen Handlungskontexten wird sowohl ein Beitrag zum besseren Verständnis der Geschichte der Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert geliefert als auch ein Thema von hoher gesellschaftlicher Brisanz adressiert, generiert doch die bereits mehrfach diagnostizierte «Krise der Arbeit» in unserer Gegenwart einen wachsenden historischen Deutungsbedarf für Arbeitsformen jenseits der «Norm» industrieller Lohnerwerbsarbeit.