Dr. Stephan Rindlisbacher

SNF-Forschungsstipendiat

Abteilung für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte

E-Mail
stephan.rindlisbacher@hist.unibe.ch
Postadresse
Universität Bern
Historisches Institut
Länggassstrasse 49
3012 Bern
Seit 2016
SNF-Forschungsstipendiat
2015 - 2016 
Assistenz für Neueste und Osteuropäische Geschichte am Lehrstuhl von Prof. Dr. J. Richers.  
2011 - 2014
Assistenz für Neueste Geschichte am Lehrstuhl von Prof. Dr. M. Cattaruzza an der Universität Bern
2008 - 2011 
Projektstipendium des Schweizerischen Nationalfonds. Archivaufenthalte in Amsterdam, Moskau und St. Petersburg. Promotion zum Thema: „Leben für die Sache. Vera Figner, Vera Zasulič und das radikale Milieu im späten Zarenreich.“ 
2001 - 2007
Studium der Geschichte, Slavistik und Islamwissenschaft an der Universität Bern. Gastsemester in St. Petersburg (2005/6) und Zagreb (2006/7)
  • Geschichte der Sowjetunion 
  • Wahrnehmungen und Deutungen von Räumen, Territorien und Grenzen im östlichen Europa
  • Kulturgeschichte des sowjetischen Geldes
  • Geschichte der revolutionären Bewegung in Russland bis 1917
  • Geschichte des modernen Terrorismus
  • Geschichte der polnisch-sowjetischen Beziehungen (1917-1991)
  • Russische Emigrantennetzwerke in der Schweiz bis 1917
  • Biographische und lebensweltliche Ansätze in der historischen Forschung

Laufende Forschungsprojekte

1. Territorialisierungsprozesse im Sowjetstaat 1918-1936

Die Frage der Grenzziehungen und Grenzverschiebungen in der Sowjetunion ist im Fall der Krim jüngst wieder zu einem international diskutierten Thema geworden. Auch im Südkaukasus sowie in Zentralasien geben die Grenzziehungen aus der Sowjetzeit bis heute Anlass für zwischenstaatliche Konflikte. Doch wie und unter welchen Voraussetzungen wurden die Grenzen zwischen den Unionsrepubliken gezogen? Welche Akteursgruppen waren an diesen Territorialisierungsprozessen beteiligt? Wer konnte mit welchen Argumenten mitreden? Diese bis heute nur unzureichend behandelten Fragen sollen anhand von repräsentativen Fallbeispielen aus dem Südwesten (Ukraine-Russland), dem Südkaukasus (Armenien-Aserbaidschan) sowie aus Zentralasien (Usbekistan-Kasachstan), das heisst den Grenzregionen des Sowjetstaates, vergleichend untersucht werden. Die Arbeitsthese ist, dass diese Territorialsierungen komplexe Aushandlungsprozesse darstellten und die Sowjetmacht vor allem im Südkaukasus und in Zentralasien aufgrund der eigenen Schwäche darauf angewiesen war, mit lokalen Akteuren Kompromisse zu finden. Das Ziel dieses Projekts ist, das historische Verständnis für die aktuellen Territorialkonflikte in diesen Grenzregionen zu verbessern und am Beispiel der Territorialisierungsprozesse zur laufenden Debatte über die Herrschaftspraktiken im Sowjetstaat beizutragen.

2. Eine Kulturgeschichte des Papiergeldes in der Sowjetunion

© Stephan Rindlisbacher

Geld hatte im sowjetischen Alltag nicht die gleiche Bedeutung wie im Alltag einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft. Zwar wurden Löhne gezahlt und Steuern erhoben, aber angesichts der Mangelwirtschaft waren persönliche Netzwerke für den einzelnen Konsumenten ebenso wichtig wie die Möglichkeit, bestimmte Waren „bezahlen“ zu können. Dennoch diente das Papiergeld dazu, die Deutungshoheit der Kommunistischen Partei im Alltag der Sowjetbevölkerung zu performieren. Dabei lassen sich in der Geschichte der einzelnen Banknotenserien entscheidende Wendepunkte in der Selbstdarstellung des Regimes festmachen, die sich so nicht mit den traditionellen Epochengrenzen, z. B. dem Tod Stalins 1953, in Einklang bringen lassen. So schmückten internationalistische Parolen die Notenserien der frühen 1920er Jahre, während die letzte Notenserie, die von 1961 bis 1991 im Umlauf war, sich sowohl in der Farbgestaltung als auch in der nominellen Kaufkraft an den Banknoten aus der Zarenzeit orientierte.

Dieses Projekt soll erstens unterschiedliche Formen der Performanz aufzeigen und dabei nach den Selbstdeutungen des Sowjetregimes fragen. Zweitens stellt sich die Frage, wer die Grafiker und Gestalter hinter diesen Banknoten waren. Wie positionierten sie sich zwischen den Anforderungen ihrer Vorgesetzten und ihrem künstlerischen Gestaltungsrahmen, den ihnen ihr Handwerk bot. Schliesslich soll auch danach gefragt werden, wie die Sowjetbürgerinnen und Sowjetbürger das sowjetische Geld in ihrem Alltag wahrnahmen. Weshalb brachten sie etwa dem (illegal zirkulierenden) US-Dollar viel grösseres Vertrauen entgegen als dem sowjetischen Rubel?

 

3. Der Brandanschlag auf die Holzbrücke in Büren an der Aare 1989

Zwischen den 1960er und 1990er Jahren kam es in der Schweiz zu zahlreichen Gewaltaktionen gegen Objekte, die damals mit separatistischen Bewegungen im Berner Jura in Zusammenhang gebracht wurden. Einer der dieser Anschläge traf im Frühjahr 1989 die Kleinstadt Büren an der Aare, als die Holzbrücke, die beide Stadtteile miteinander verband, in Brand gesetzt und zerstört wurde.

Für die Gemeinde war der Anschlag ein Schock. In dieser Notlage erlebte sie die Solidaritätsbezeugungen aus der ganzen Schweiz. Schnell wurde die Brücke wieder aufgebaut und die beiden Stadtteile wieder miteinander verbunden. Für die Einwohnerinnen und Einwohner von Büren stärkte dieses Ereignis kurzzeitig das Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch über die Jahre geriet der Vorfall immer mehr in Vergessenheit. Weder die Täter noch deren Motive wurden jemals eindeutig benannt. Deshalb will sich dieses Projekt auf der Grundlage von Archivdokumenten der Gemeinde Büren und der Berner Kantonspolizei sowie mit Hilfe von Zeitzeugeninterviews mit der Vorgeschichte, der Ausführung und der Rezeption dieses für Schweizer Verhältnisse spektakulären Anschlags auseinandersetzen.

Abgeschlossenes Forschungsprojekt

Leben für die Sache

Ver Figner, Vera Zasulič und das radikale Milieu im späten Zarenreich

2014 publiziert in den Forschungen zur Osteuropäischen Geschichte, Bd. 80 Harrassowitz-Verlag ISBN: 978-3-447-10098-4

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts treten in Russland vermehrt Frauen und Männer in die Öffentlichkeit, die durch radikale Veränderungen einen „neuen Menschen“ und mit ihm eine neue Gesellschaft schaffen wollen. Vera Figner und Vera Zasulič, die beiden Protagonistinnen der vorliegenden Untersuchung, sind herausragende Vertreterinnen der radikalen Bewegung im ausgehenden Zaren- reich. Während Vera Zasulič mit ihrem Attentat auf den St. Petersburger Stadtkommandanten Fëdor Trepov 1878 am Beginn der ersten terroristischen Welle in Russland steht, ist Vera Figner bei ihrer Verhaftung 1883 das letzte führende Mitglied der Terrororganisation Narodnaja Volja (Volkswille), die am 1./13. März 1881 einen tödlichen Anschlag auf Zar Aleksandr II. verübt. Die beiden Frauen verbindet zwar kein engerer persönlicher Kontakt, dafür aber die Zugehörigkeit zum selben Milieu. Beeinflusst von der progressiven Debatte in der Intelligencija der 1860er Jahre entschlossen sie sich bereits in ihrer Jugend, sich von traditionellen Standes- und Geschlechterrollen zu lösen, ihr Schicksal „in die eigenen Hände zu nehmen“ und sich einer „Sache“ zu verschreiben. Zusammen mit anderen Radikalen gerieten sie dadurch in einen immer heftigeren Konflikt mit der autokratischen Staatsmacht, der sich schließlich zu einem Kampf mit terroristischen Mitteln steigerte.

Die Biographien dieser beiden radikalen Frauen dienen als „Scheinwerfer“, um das radikale Milieu mit seinen Merkmalen, Funktionsmechanismen und Handlungsspielräumen auszuleuchten. Aus zwei voneinander unabhängigen aber vergleichbaren Blickwinkeln entsteht ein Bild nicht nur der radikalen Netzwerkstrukturen, Symbole, Praktiken und Identitätsnarrativen, sondern auch der beteiligten Menschen mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Ängsten.

BORIS-Publikationsliste (Bern Open Repository and Information System)

Delegierter des Mittelbaus in der phil. hist. Fakultät

Quästor der Schweizerischen Akademischen Gesellschaft für Osteuropawissenschaften (SAGO)