Dr. Stefan Guth

SNF-Forschungsstipendiat

Abteilung für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte

E-Mail
stefan.guth@hist.unibe.ch
Postadresse
Universität Bern
Historisches Institut
Länggassstrasse 49
3012 Bern
2013–2014 Gastwissenschaftler am Center for Russian, East European and Eurasian Studies an der Universität Stanford
2012–2014 Forschungsaufenthalte in Moskau, St. Petersburg und Aktau
2012–2014 Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds (Stipendium für fortgeschrittene Forschende)
2011 Lehrbeauftragter, Universität St. Gallen, School of Humanities and Social Sciences, im Rahmen des Lehrstuhls für Gesellschaft und Kultur Russlands
2010 Gastwissenschaftleraufenthalt am GWZO Leipzig (Oktober-November)
2009 Verteidigung der Dissertation zum Thema: „Zwischen Konfrontation und Verständigung. Der deutsch-polnische Historikerdialog im 20. Jahrhundert“
2007–2008 Stipendiat des Karman Center for Advanced Studies in Humanities
2006–2007 Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds (Stipendium für angehende Forschende). Archivaufenthalte in Warschau, Posen, Berlin und Koblenz
2003–2011 Assistenz für Neueste Geschichte am Lehrstuhl von Prof. Dr. M. Cattaruzza, Historisches Institut der Universität Bern
2003–2009 Mitarbeit an einem Forschungsprojekt unter Leitung von Prof. Dr. U. Schmid zu faschistischen Tendenzen im kulturellen Leben Polens in der Zwischenkriegszeit
2003 Lizentiat mit einer Arbeit zu den deutsch-polnischen historiographischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit unter dem Titel: Der Warschauer Historikerkongress 1933 – deutsche und polnische Positionen (Universität Bern)
1998–2010 Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Forum Ost-West, Informationszentrum für Mittel- und Osteuropa, Bern.
1996–2003 Studium der Geschichte und Slavistik (Russistik / Polonistik) in Bern, Zürich und Freiburg i.U. Studien- und Sprachaufenthalte in Moskau, Chabarovsk, Krakau und Warschau. Hilfsassistenz am Historischen Institut der Universität Bern

Forschungsschwerpunkte bilden in chronologischer und regionaler Hinsicht die sowjetische, osteuropäische und deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, methodisch Fragen der technopolitics, der entangled history sowie der intellectual history, insbesondere der Historiographiegeschichte.

In seinem Habilitationsprojekt „Oase der Zukunft. Die Atomstadt Ševčenko/Aktau, 1959–2019“ untersucht Stefan Guth die Ambivalenz sowjetischer Technopolitik im Spannungsfeld zwischen Wettrüsten und Systemwettbewerb, zwischen kommmunistischem Zukunftsversprechen und stalinistischen Altlasten am zentralasiatischen Fallbeispiel. Gegründet als Zentrum der Uranförderung und Plutoniumproduktion im Dienste des sowjetischen Atomwaffenprogramms, wurde Ševčenko unter dem Eindruck von Eisenhowers „Atoms-for-Peace-Initiative“ in den 1960er und 70er Jahren zielstrebig zur international beachteten Vitrine des „atomic-powered Communism“ (Josephson) ausgebaut. Brutreaktor und nukleare Wasserentsalzungsanlage ließen auf der Wüstenhalbinsel Mangyšlak in Westkasachstan eine Atomoase für 200 000 Einwohner entstehen. Fünf Dimensionen sowjetischer Technopolitik können an diesem Beispiel eingehend erforscht werden:

  • die kulturelle – manifest in der Bedeutung der Zukunftsstadt für das spätsowjetische Fortschrittsnarrativ;
  • die soziale – greifbar im Doppelcharakter des Großprojekts als privilegierter Socgorod und Zwangsarbeitslager;
  • die ökologische – augenfällig im Spannungs­verhältnis zwischen technokratischer „Naturverbesserung“ und Umweltzerstörung;
  • die internationale, weil Ševčenko zum Brennpunkt einer intensiven blocküberschreitenden Technodiplomatie und Kooperation wurde; und schließlich
  • diejenige des technopolitischen decision-making, die hinter der Fassade vordergründiger Zielstrebigkeit Richtungskämpfe zwischen militärischen und zivilen, realistischen und utopischen Zielsetzungen offenbart.

Über den Zusammenbruch der Sowjetunion hinweg zeigt das Projekt zudem, wie die vor 1991 entworfenen und erprobten Zukunftsvisionen in der postsowjetischen nuklearen Technopolitik Kasachstans und Russlands fortleben.

Mit seiner kürzlich erschienenen, preisgekrönten Dissertation „Geschichte als Politik“ leistet Guth einen profunden Beitrag zur Historiographiegeschichte im 20. Jahrhundert ebenso wie zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen, die immer wieder maßgeblich auf dem Feld der Geschichtspolitik gestaltet wurden. Entsprechend haben sich Generationen von Berufshistorikern beidseits der Grenze politische Anliegen zu eigen gemacht. Ihr bisweilen dezidiertes Engagement reichte vom Kampf um die Versailler Grenze in der Zwischenkriegszeit bis zum Projekt der deutsch-polnischen Aussöhnung in den Siebzigerjahren. „Geschichte als Politik“ verfolgt den Gegenstand über ein halbes Jahrhundert durch unterschiedlichste politische Konstellationen und berücksichtigt dabei gleichermaßen die polnische wie die deutsche Seite. Damit eröffnet es erstmals einen langfristig angelegten und multiperspektivischen Blick auf den Gegenstand, der erstaunliche Kontinuitäten und Brüche zutage fördert. Die Studie versteht sich als politische Geschichte der Geschichtsschreibung, die nicht nur vertiefte Einsichten in die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte vermitteln möchte, sondern auch der Frage nach der politischen Bedingtheit und Wirksamkeit von Geschichtsschreibung nachgehen will.

Auswahl an erschienenen Publikationen.

Geschichte als Politik. Der deutsch-polnische Historikerdialog im 20. Jahrhundert
  • Eine politische Geschichte der Geschichtsschreibung
  • Ein Beitrag zur deutsch-polnischen histoire croisée
  • Ausgezeichnet mit dem Klaus-Mehnert-Preis der DGO 2011 und dem Preis des Historischen Instituts Bern für die beste Dissertation des Jahres 2010
Verlagswebsite
One Future Only? The Soviet Union in the Age of the Scientific-Technical Revolution, in: Journal of Modern European History 13/3 (2015), S. 355–376 [Themenheft: Reconfiguring the Future? Politics and Time From the 1960s to the 1980s, hrsg. von Elke Seefried]
Stadt der Wissenschaftlich-Technischen Revolution. Ševčenko, Kasachstan, in: Boris Belge/Martin Deuerlein (Hg.), Goldenes Zeitalter der Stagnation? Perspektiven auf die sowjetische Ordnung der Brežnev-Ära, Tübingen 2014, S. 97–130

Vorträge, Teilnahme an Symposien und Tagungen (Auswahl)

  • „Stadt der Energie. Ševčenko/Aktau, 1959–2019“, Referat auf den Vierten Schweizer Geschichtstagen 2016, Panel „Energie und Macht: Der energetische Entwicklungsweg der Sowjetunion in seinen innen- und aussenpolitischen Dimensionen“ (Prof. Jeronim Perovic), Universität Lausanne, 10. Juni 2016
  • Referat zum Workshop „Tschernobyl und Fukushima. Perspektiven der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, Universität München, 25.–26. April 2016
  • „Picturing atomic-powered Communism“. Referat auf der internationalen Konferenz „Picturing Power. Photography in Socialist Societies“, Universität Bremen, 9.–12. Dezember 2015
  • „Science knows no frontiers, but those who guard the frontiers often know little about science“. Referat auf der internationalen Konferenz “Entangled Sciences? Relocating German-Polish Scientific Relations” Herder-Institut Marburg, 28.–30. Oktober 2015
  • „Reaktionen auf Enno Meyers Thesen in der Volksrepublik Polen und der DDR“. Referat zum Workshop „Enno Meyer – Leben und Werk“, BKGE Oldenburg, 8.–9. Oktober 2015
  • „Atombetriebener Kommunismus an der sowjetischen Peripherie“. Referat zum Workshop „Zwischen Utopie und Apokalypse. Nukleare technopolitics in der Sowjetunion“, Universität Bern, 23. Juli 2015
  • „Sowjetische Zukunft nach Stalin als technopolitisches Projekt“. Referat im Oberseminar für Osteuropäische Geschichte, Universität Erlangen, 1. Juli 2015
  • „Atombetriebener Kommunismus an der sowjetischen Peripherie“. Referat im Forschungskolloquium mit Prof. Julia Richers, Prof. Marina Cattaruzza und Prof. Jörg Baberowski, Universität Bern, Dezember 2014
  • „The nuclear landscape as a garden“. Referat auf der Konferenz “Nuclear Landscapes in Eastern Europe and Asia: Knowledge – Practices – Social Change“, Universität Heidelberg, November 2014
  • „‚A City of New Beginnings…’“. Referat auf der 38. Stanford-Berkeley Conference, Stanford University, 7. März 2014
  • „Oasis oft he Future? The Atomic City of Shevchenko 1959–2019“. Referat auf de ASEEES Annual Conference, Boston, November 2013
  • Referat auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO), Universität Köln, März 2011
  • Referat zur Konferenz „Perspektiven auf die Brežnev-Zeit“. Universität Tübingen, Februar 2012
  • Referat zum Workshop „Atom Global“, veranstaltet vom Sonderforschungsbereich Repräsentationen Sozialer Ordnungen im Wandel, Humboldt-Universität Berlin, November 2011
  • „Nebeneinander übereinander: Deutsch-polnische Historikerbeziehungen in Zeiten der Teilung Deutschlands“. Referat am Geisteswissenschaftliches Zentrum für Geschichte und Kultur Osteuropas bei der Universität Leipzig, November 2010
  • Summer School „History of Historiography“ der European Science Foundation / NHIST, Köszeg, 30. Juni – 6. Juli 2008. Referent
  • Referat auf der Konferenz „Polish-German Post/Memory: Aesthetics, Ethics, Politics“. Indiana University, Bloomington, 19.–22. April 2007
  • Erste Schweizerische Geschichtstage, Panel: Stunde Null? Kontinuitäten und Brüche in Mittel- und Osteuropa nach 1945, 15.–17. März 2007 in Bern. Panelverantwortlicher und Referent.

Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, Klaus-Mehnert-Preis 2011 für die beste Dissertation im Bereich der Osteuropawissenschaften
Universität Bern, Institutspreis des Direktoriums für die beste am Historischen Institut abgeschlossene Dissertation, 2010
Universität Zürich, Semesterpreis für die beste Semesterarbeit am Historischen Institut, verliehen für eine Arbeit über Nikita S. Chruščev, 2001
Universität Bern, Semesterpreis der historisch-philosophischen Fakultät für eine Semesterarbeit zur bäuerlichen Gerichtsbarkeit in Russland um 1875, 1998

Stefan Guth auf academia.edu