M.A. Lisia Bürgi

Doktorandin

Ordinariat Studer

E-Mail
lisia.buergi@students.unibe.ch
Postadresse
Universität Bern
Historisches Institut
Länggassstrasse 49
3012 Bern
Seit 2021 Doktorandin an der Abteilung Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte der Universität Bern
2017 - 2020 Doktorandin / Assistentin an der Abteilung Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte der Universität Bern (teilweise als Hans-Sigrist-Stipendiatin)
2016 Wissenschaftliche Mitarbeiterin im SNF Agora Projekt Neue Frauenbewegung 2.0
2014 - 2016 Tutorin an der Abteilung Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte der Universität Bern
2014 - 2016 Masterstudium Geschichte (Schwerpunkte: NNG, CH+) und Gender Studies an der Universität Bern (Titel der Masterarbeit: Literatur und Räume von und für Frauen. Die Geschichte der Frauenbuchläden in der Schweiz, betreut durch PD Dr. Kristina Schulz)
2010 - 2014 Bachelorstudium Geschichte und Anglistik an der Universität Bern
  • Armut und Geschlecht
  • Geschichte des Sozialstaats
  • Soziale Bewegungen, insbesondere Frauenbewegung nach 1968
  • Oral History

Emanzipation – Normalisierung – Akzeptanz? Alleinerziehende Mütter in der Schweiz seit Mitte des 20. Jahrhunderts (Arbeitstitel)

Dissertationsprojekt

Die Dissertation zeichnet die Entstehung des Phänomens Alleinerziehende und dessen Wandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach. Das Thema wurde in der Schweiz bis anhin vor allem aus soziologischer und psychologischer Perspektive beleuchtet, eine historische Aufarbeitung steht bisher aus. An dieser Forschungslücke setzt die Dissertation an. Da alleinerziehende Mütter während des gesamten Untersuchungszeitraums zahlenmässig eindeutig übervertreten sind, kann von einem frauenspezifischen Phänomen gesprochen werden. Demnach fragt die Dissertation nach dem Status von Frauen als alleinerziehende Mütter. Während aber bis mindestens in die 1970er Jahre meist zwischen ledigen, getrennten, geschiedenen und verwitweten Müttern unterschieden wurde, hat sich im Laufe des Untersuchungszeitraums die Bezeichnung Alleinerziehende durchgesetzt. Die Auswirkungen der mit diesem Überbegriff einhergehenden sprachlichen Verschiebung werden analysiert.

Es werden drei Phasen beleuchtet, während derer das Phänomen Alleinerziehen vermehrt in der Öffentlichkeit diskutiert wurde und sich in einem Wandel befand: Erstens sind dies die kontroversen Debatten rund um den straffreien Schwangerschaftsabbruch in den 1970er Jahren, die zu einem intensiven Nachdenken über die Rahmenbedingungen für «Wunschkinder» geführt haben. Zweitens ist die schrittweise Vernetzung alleinerziehender Mütter ab Mitte der 1970er Jahre interessant, die 1984 in der Gründung des Schweizerischen Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV) mündete, da sie anschaulich die von lokaler Ebene ausgehende und transnational beeinflusste Selbstermächtigung zeigt. Schliesslich wird drittens die Eherechtsrevision betrachtet, die nach Jahren der Vorarbeit 1988 in Kraft trat. Die Abschaffung des Manns als Haupt der Familie gemäss Gesetz, verhalf den «mères chefs de famille» zu mehr als nur rechtlicher Legitimation. Diese drei Phasen werden nicht isoliert, sondern als sich überschneidend und miteinander verwoben betrachtet. Zudem lassen sich daraus weitere Zusammenhänge ableiten, wobei insbesondere die Interdependenz zwischen der gesellschaftlichen Wahrnehmung und der tatsächlichen sozialen und rechtlichen Situation von alleinerziehenden Müttern interessiert.

Ausgehend vom 1984 gegründeten Schweizerischen Verband alleinerziehender Mütter und Väter wurden weitere Organisationen und Verbände gesucht, die sich bereits davor oder seither (teilweise in Zusammenarbeit mit dem SVAMV) in unterschiedlicher Form den Anliegen Alleinerziehender angenommen haben. Dazu gehören Organisationen der beiden christlichen Frauendachverbände (Schweizerischer Katholischer Frauenbund SKF und Evangelischer Frauenbund Schweiz EFS sowie Schweizerische Evangelische Frauenhilfe SEF), der traditionellen und neuen Frauenbewegung (Bund Schweizerischer Frauenvereine BSF, Organisation für die Sache der Frauen OFRA und Frauenbefreiungsbewegung FBB) sowie Pro Familia und Caritas. Das Engagement der genannten Organisationen reicht von finanzieller Unterstützung von Alleinerziehenden, über das Einbringen von Forderungen in die Politik, bis hin zur administrativen Unterstützung bei der Gründung von Selbsthilfegruppen.

Anhand der Bestände dieser Organisationen, die vornehmlich Broschüren, Korrespondenzen, Periodika, politische Stellungnahmen und Protokolle umfassen, will die Dissertation neben den gesellschaftlichen und politischen Erfolgen auch die vielfältigen Hindernisse beleuchten, mit denen alleinerziehende Mütter, trotz ihrer erfolgreichen Selbstermächtigung, konfrontiert waren. Beispielsweise gelang es im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, den Familienbegriff so zu erweitern, dass auch sogenannte Einelternfamilien dazugezählt werden – allerdings liess sich die vermeintliche Normfamilie (Vater, Mutter, Kind) im gesellschaftlichen Verständnis nicht vom Thron stossen.

Neue Frauenbewegung 2.0 SNF Agora Projekt