Der Frauenkörper im «Kapitalismus». Leiblichkeit und Patriarchatskritik im anarchistischen Feminismus, 1870–1940.

Habilitationsprojekt von Mirjam Janett

L’Idée libre, Avril 1926
L’Idée libre, Avril 1926 Quelle/Source: Centre International de Recherches sur l’Anarchisme (CIRA), Lausanne

Die Frau hat einen Körper. Ist sie aber ihr Körper? Diese Frage treibt im ausgehenden 19. Jahrhundert die anarchistischen Feministinnen um. Die Frau sei im Kapitalismus verdinglicht, stellen sie fest. Wie der «Kapitalismus» den Arbeiterkörper in der Fabrik kolonialisiere, so mache er die Frau mit ihrem Körper zur Ware und reduziere sie auf ihre reproduktive Funktion. Für die Anarchistinnen wird der Körper Ausgangs- wie Bezugspunkt ihrer feministischen Kritik an Geschlechter- und Klassenverhältnissen. Aus der individuellen Erfahrung mit ihrer Leiblichkeit schliessen sie auf einen objektivierten «Frauenkörper» und leiten von ihm reproduktive Rechte ab. Sie politisieren körpernahe Themen wie Mutterschaft und Sexualität, um patriarchale Abhängigkeiten in freie Beziehungen zu überführen.

Meine Arbeit fokussiert das Verhältnis zwischen der politischen Subjektwerdung und den Naturbezügen der Aktivistinnen. Dazu greife ich auf neuere Ansätze der historischen Anthropologie und Sozialanthropologie zurück. Das heuristische Potential der historischen Ontologie nutzend problematisiere ich zuerst den «Frauenkörper». «Natur» wird nicht vorausgesetzt, sondern zum Untersuchungsgegenstand gemacht. Der «Frauenkörper» ist nicht das Analyseinstrument, sondern der historisch spezifische Gegenstand oder das «Ding» [1], das es zu untersuchen gilt. Dann nehme ich mir die Gegenstände, Praktiken und Aktionen der transnational agierenden Anarchistinnen vor. Ich zeige, wie sie sich durch und mit ihrer leiblichen Erfahrung als politische Subjekte konstituieren. Sie verbinden Körpererfahrung mit Kapitalismuskritik und verhandeln über den Körper Fragen der Individualität und Kollektivität.

[1] Vgl. Amiria Henare, Martin Holbraad und Sari Wastell (Hg.), Thinking through things. Theorising Artefacts Ethnographically, New York 2007.

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