Entgrenztes Europa: Die Diasporas als transkulturelle und gebietsübergreifende Verbindungselemente 1492-1918 (Sammelband)

Leitung Prof. Dr. Desanka Schwara
SNF-Mitarbeiter lic. phil.  Ivo Haag
SNF-Mitarbeiter lic. phil.  Patrick Krebs
SNF-Mitarbeiterin M.A.  Luise Müller

In „Entgrenztes Europa“ untersuchen wir mit vernetzten Lokalstudien – für Lissabon und Cadiz, Malta, Livorno und Ancona, Dubrovnik-Ragusa und Belgrad – Lebensformen und „transterritoriale Strukturmerkmale“ (Mobilität und Kommunikation). Ausgewählt sind Orte, die an Schnittstellen verschiedener kultureller Systeme liegen.

Ivo Haag richtet seinen Blick vom Südosten Europas, aus Dubrovnik/Ragusa und Belgrad, auf mediterrane Diasporas. In seiner Untersuchung stehen Hafen- und Handelsstädte im Zentrum, in denen Juden, Christen, Muslime, Aromunen, Venezianer, Genuesen, Griechen, Armenier oder muslimische Osmanen lebten und sich begegneten. Er stellt die religiöse Praxis im öffentlichen Raum als einen Bereich der Interaktion, Kommunikation und der sozialen Verflechtung in den Mittelpunkt seiner Forschungen. So scheint beispielsweise ein relativ starker Synkretismus ein Spezifikum der religiösen Traditionen im südöstlichen Europa zu sein, deren Wurzeln bis in die vorchristliche Zeit zurückverfolgt werden können. Ivo Haag fragt nach den Grenzen traditioneller paganer und religionsübergreifender Glaubensvorstellungen. Insbesondere interessieren ihn Austausch und Interaktion zwischen Glaubensinhalten und deren Manifestation in verschiedenen Frömmigkeitsformen zwischen Islam, Christentum und Judentum. Von einer gemeinsamen, „vererbten“ Heiligenverehrung in der Volksreligiosität des Islam und des Christentums ausgehend, für die es viele Beispiele gibt, will er der Partizipation von Diasporagemeinschaften in der Festtagskultur nachgehen.
Ivo Haag: Wenn Ost und West gemeinsam zelebrieren. Religiöse Praxis im öffentlichen Raum gemischtkultureller Städte im Süden Europas in der Neuzeit (Dissertationsprojekt)

Patrick Krebs untersucht am Beispiel der künstlich geschaffenen und stark geförderten Freihafenzentren die Entstehung, Funktion und Bedeutung dieser sozio-kulturell durchmischten urbanen Gesellschaften, die vom 17. bis zum 19. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebten. Am Beispiel der Freihandelszentren will er mit einer wirtschafts- und sozialhistorischen Städtestudie die Eigenheiten und Strategien dieser kosmopolitischen Lebenswelt aufzeigen, die durch ein kommerziell-funktionelles Nebeneinander geprägt war. Von den Freihandelshäfen Ancona und Livorno ausgehend wird er seinen Blick auf die Vernetzungen dieser Handelsstädte als Organisations- und Koordinationszentren im Mare Nostrum richten. Beide Orte hatten ihre Tore bereitwillig für Menschen aus aller Welt geöffnet. Livorno galt seit dem Toleranzedikt von 1593 geradezu als „Diaspora-Oase“. Hier lebten griechische Kaufleute, spanisch-portugiesische Juden und Katholiken, Franzosen, anglikanische Briten, muslimische Osmanen, Nordafrikaner, holländische Protestanten, Armenier, christlich-orthodoxe Serben, Griechen und Russen. Ancona andererseits war lange Zeit das wichtigste Ausgangstor in Richtung Osten, auch hier lebten Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung. Patrick Krebs untersucht, wie die jeweils spezifischen mental maps eine Orientierung und Ordnung im Raum ermöglichten.
Patrick Krebs: Die Erfindung der florierenden Hafenstadt: Mentale Landkarten und das Konzept des porto franco in Ancona und Livorno (17. bis 19. Jahrhundert)

Luise Müller befasst sich mit der Grenzsituation der Quarantäne und nimmt dabei insbesondere die Stellung der in der Stadt Fremden, der durchreisenden oder sich längerfristig niedergelassenen Mitglieder verschiedener Diasporas in den Blick. Ausgangspunkt ist dabei die Iberische Halbinsel mit besonderem Augenmerk auf Lissabon und Cadiz als Vertretern des erweiterten Mittelmeeres und zugleich verschiedene Abgrenzungen markierenden „Grenzstädten“ – im Besonderen mit Blick auf das Mittelmeer als auch den afrikanischen Kontinent. Tatsächlich stattfindende Aktionen und Interaktionen stehen dabei ebenso im Mittelpunkt wie narrative oder phantasmatische Momente, Konstruktionen und Abgrenzungen von Eigen- und Fremdidentität.

Die Einrichtung der Quarantäne als Untersuchungsfokus bietet sich an, da sie ein wahres Kind der Neuzeit darstellt; sie ist aus dieser von ihrem Beginn bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Als einzige Möglichkeit der Seuchenabwehr und des damit verbundenen Schutzes der eigenen Region, des Handels und Lebens bestimmte sie aus dem Hafen heraus jede längere Form der Bewegung von Mensch oder Ware zur See. Durch die ihr inhärente Ausnahmesituation, zwischen Reise und Ankunft gelagert, eine Art des gezwungenen Verharrens im leeren, „nichtsozialen“ Zwischenraum, können gerade gesellschaftliche und soziale Verbindungen besser beleuchtet werden, da sie unverhüllter aufzufinden sind. Die Quarantäne war (auf legalem Wege fast) nicht zu vermeiden, sie ist eine gemeinsame Erfahrung für Reisende der Neuzeit.
Luise Müller: Die Bedrohung kommt übers Meer: Maritime Quarantäne auf der Iberischen Halbinsel als Selbstvergewisserungs- und Abgrenzungsmechanismus (Dissertationsprojekt)

Mit der besonderen Bedeutung Maltas für „zerstreute“ Gruppen befasse ich mich. Galt Belgrad als die begehrte und umkämpfte Stadt an der Kreuzung der drei grossen Imperien – Habsburger Monarchie, Russland, Osmanisches Reich –, kann Malta als Knotenpunkt aller möglichen Begegnungen betrachtet werden. Die Insel wurde vom Malteserorden nach der Niederlage gegen die Osmanen in Jerusalem als Standort ausgewählt, da sie der nächstgelegene Ort zum Heiligen Jerusalem war, der sich nicht unter osmanischer Herrschaft befand. Die Beziehungen Maltas reichten weit über das Mittelmeer hinaus. In seiner grössten Krise Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte der Inselstaat – insbesondere von England und Frankreich umkämpft, traditionell aber mit der Iberischen Halbinsel verbunden –, sich in Europa neu zu orientieren und wandte sich an das inzwischen immer stärker werdende Zarenreich, das die Osmanen nach und nach schwächte. Die Beziehungen des Malteser Ordens zu Russland sind schon älter, doch gewannen sie Ende des 18. Jahrhunderts an Intensität. Diese Offenheit in alle Richtungen ist ein Spiegelbild der vielfältigen kulturellen Beschaffenheit Maltas. Es scheint fast, als handle es sich um ein Erbe des geologischen Ursprungs der Insel: Diese Welt zwischen allen Welten soll einst Europa mit Afrika verbunden haben. Noch während der Eiszeit gehörte es zu Europa und löste sich erst etwa um 11'000 v.d.Z. von Sizilien. Diese vielfältigen kulturellen Einflüsse scheinen schon im Namen begründet zu sein: „Malta“ stammt von malat ab, dem phönizischen Wort für „Zufluchtsort“. Hier fanden die Phönizier auf ihren langen Reisen von der Ostküste des Mittelmeers nach Cadiz auf der Iberischen Halbinsel oder Tangier in Nordafrika Schutz und Verpflegung.

Während Luise Müller sich mit sozialen Praktiken zwecks Abwehr von möglichen Bedrohungen auseinandersetzt, Patrick Krebs eine Berufsgruppe (die Kaufleute und ihr sozioökonomisches Koordinationspotential) in den Mittelpunkt stellt, Ivo Haag nach der Interaktion religiöser Gemeinschaften fragt, befasse ich mich mit sozialer Zugehörigkeit und ihren Auswirkungen. Bei Piraten, Soldaten oder Seeleuten, Verschleppten oder Sklaven, Herren oder Dienern frage ich nach Formen der Solidarität über religiöse, sprachliche oder ethnische Grenzen hinweg, nach Unterschieden im Verständnis von Freiheit und Unfreiheit, skizziere Schattierungen der Freiheit und Grade der Unfreiheit. Ich frage nach neuen Lebensstilen und dem Umgang mit Problemgruppen; danach, zu welchen Gruppen, zu welcher Art von Gruppen sich Menschen aus welchen Gründen und zu welchen Zeitpunkten, in welcher Form und für wie lange zusammengeschlossen haben.

August 2006 – Desanka Schwara

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