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Laufzeit: März 2005 bis Februar 2010
| Leitung | Prof. Dr. Desanka Schwara |
| SNF-Mitarbeiter | lic. phil. Patrick Krebs |
| SNF-Mitarbeiterin | M.A. Luise Müller |
Dieses Projekt untersucht die kulturellen Verbindungselemente zwischen den entgegenliegenden Polen Europas, dem äussersten Westen und dem äussersten Osten: Die Diasporas zwischen Lissabon und Istanbul. Im Mittelpunkt stehen Städte, die als Hauptroute für Schiffe mit ihren Passagieren und Waren galten, für Seeleute und Kaufleute, Piraten und Konsuln, für Menschen auf der Suche nach Einkommen, Abenteuern oder neuen Existenzmöglichkeiten in einer anderen Welt. Es sind Hafenstädte und Handelszentren, die typisch für vielfältige kulturelle Einflüsse sind: Cadiz, Livorno, Ancona, Ragusa/Dubrovnik und an der Schnittstelle der drei grossen multiethnischen Imperien in Europa – der Habsburgermonarchie, des Osmanischen Reichs und des Zarenreichs – Belgrad. Als weiteres verbindendes Element wird eine Insel ins Zentrum gerückt, die inmitten des Mittelmeers, des vermittelnden Meers, als Zwischenstation auf dem Weg nach überall hin diente: Malta.
Im 15. Jahrhundert überstürzten sich an den gegenüberliegenden Polen Europas einschneidende Ereignisse, die bis heute nachwirken: 1453 eroberten die Osmanen Konstantinopel. 1492 wurden nach der christlichen Reconquista die Juden und Muslime aus Spanien vertrieben. Im gleichen Jahr entdeckte Christoph Kolumbus Amerika. Die Grenzen des christlichen Europa wurden im Südosten von den muslimischen Osmanen zurückgedrängt, im Westen dagegen bis an den äussersten Rand des Kontinents ausgeweitet, sogar darüber hinaus: Christlich-europäische kulturelle Präsenz wurde nach Übersee exportiert. Die verbindenden Elemente zwischen diesen beiden Polen Europas waren das Mare Nostrum und die Hafenstädte und Handelszentren der Küstenregionen, die sich zu Mittelpunkten der sozio-kulturellen Interaktion im Mittelmeerraum entwickelten. Eine besondere Rolle kam in diesem Kommunikationsprozess zwischen West und Ost Menschen zu, die als go-betweens, als passeurs zwischen den Kulturen agierten. Insbesondere Angehörige der Diasporas zwischen Lissabon und Istanbul übernahmen diese Funktion der Mittler zwischen den entlegenen Regionen des Mittelmeerraumes.
Die grossen Hafenstädte spielten bezüglich der Formen des Kontakts als auch der wechselseitigen Beeinflussung eine zentrale Rolle und bieten sich als Gegenmodelle zu den im 19. Jahrhundert entstehenden Nationalstaaten an. Typisch für diese Städte war eine gemischte Bevölkerung. „Levantiner“ war ein Sammelbegriff vor allem für armenische, griechische, italienische und jüdische Kaufleute. Neben Iberern (Portugiesen, Spaniern) und Südslaven (Slowenen, Kroaten, Serben, Mazedoniern und Bulgaren) lebten „Moriscos“, Italiener, Armenier, Griechen, Rumänen, Zinzaren, Walachen, Albaner, Türken, „Zigeuner“, Ungarn und Juden. Unzählige andere Minderheiten kamen hinzu. Im Gegensatz zu diesen hybriden Gemeinschaften, die für die grossen Vielvölkerreiche oder die multiethnischen Handelszentren charakteristisch waren, gingen nationalstaatliche Ideologien von einer „reinen“ Form aus, die anzustreben sei. Erreicht werden könne sie nur durch Ausschluss anderer Einwirkungen.
„Entgrenztes Europa“ sprengt die Grenzen, die als Nationen definierte staatliche Gesellschaften umschliessen. Es ist uns im Gegenteil gerade ein Anliegen, klassische räumliche Kategorien aufzubrechen und das riesige Territorium um das Mittelmeer entlang seiner zahlreichen sich überlagernden kulturellen Grenzen nach anderen Gliederungsprinzipien zu befragen, Schnittstellen zu entdecken, an denen sich gesellschaftliche Zusammenhänge bilden. Raum konstituiert sich hier nicht über politische Herrschaft und auf politisch-territoriale Weise, sondern über transterritoriale Netzwerke und sozioökonomisch-kulturell-religiöse Faktoren sowie durch Bewegungen von Menschen im Raum. Ziel des Projekts ist die Suche nach Diasporas in ihrem Lebensumfeld, die Erforschung von Interaktions-, Aufnahme- bzw. Exklusions- und den damit verbundenen Gefühlsmustern.
In einem Sammelband werden die Resultate der Forschungsarbeiten zu einer Synthese zusammengefügt, die detaillierten Ergebnisse in Dissertationsschriften vorgestellt.
Dezember 2005 – Desanka Schwara
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Projektbeschrieb (63KB)
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